Digitale Souveränität Balance entscheidend Laura Dornheim Die Stadt München nähert sich dem Ziel der digitalen Souveränität, indem sie Infrastruktur, Software, Daten und Menschen in den Blick nimmt. Entscheidend sind auch Kooperation statt Inseldenken und das Ermöglichen der digitalen Teilhabe. D igitale Souveränität ist ke i n a b s t r a k t e s Z u - kunftsthema mehr, son- dern entscheidet heute darüber, ob Kommunen handlungsfähig bleiben – politisch, wirtschaftlich und technisch. Für die bayerische Landeshauptstadt München ist sie daher ein zentrales Leitprinzip der Digitalisierungsstrategie. Doch was bedeutet digitale Souveränität konkret und wie kann sie in einer komplexen urbanen Verwaltung umgesetzt werden? Hierbei hilft ein Gedankenexperi- ment: Stellen wir uns eine Gefäng- niszelle vor. Kein Mitspracherecht über den Tagesablauf, keine Wahl- möglichkeiten, totale Abhängig- keit. Das Gegenteil davon scheint zunächst absolute Autarkie – die einsame Insel, auf der man alles selbst herstellen muss. Doch auch das ist keine echte Freiheit, sondern eine andere Form der Einschrän- kung. Übertragen auf die digitale Welt bedeutet das: Weder totale Abhängigkeit von wenigen globa- len Konzernen noch unrealistische Selbstversorgung sind nachhaltige Wege. Wahre Souveränität entsteht in der Balance, in der Fähigkeit, ei- genständig zu entscheiden, welche Technologien genutzt werden, und dabei auf ein stabiles, sicheres Öko- system zurückzugreifen. Kommunen tragen eine beson- dere Verantwortung. Sie müssen Digitalisierung so gestalten, dass sie demokratische Strukturen stärkt und nicht schwächt. Denn wer die Kontrolle über Daten, Systeme und Infrastrukturen verliert, riskiert Abhängigkeiten, die im Ernstfall zur Gefahr für Sicherheit, Hand- lungsfähigkeit und Innovationskraft werden können. Die geopolitischen Entwicklungen der vergangenen Jahre haben diese Risiken deutlich gemacht: Handelskonflikte, Sank- tionen oder Lieferengpässe zeigen, wie fragil globale Lieferketten sind. Auch im digitalen Bereich müs- sen wir uns die Frage stellen, wie abhängig wir von Produkten und Diensten weniger internationaler Anbieter sein wollen. Wir nähern uns dem Ziel der digitalen Souveränität, indem wir folgende vier Bereiche besonders in den Blick nehmen: Infrastruktur, Software, Daten und Menschen. München hat bereits vor über zehn Jahren in ein eigenes Rechenzen- trum investiert. Heute betreibt die Stadt eine eigene Cloudinfrastruk- tur, die zentrale digitale Dienste bereitstellt. Gleichzeitig wird auf marktübliche SaaS-Lösungen und Hyperscaler gesetzt – bewusst in einem ausgewogenen Verhältnis, um Flexibilität zu gewährleisten. Aktuell werden beispielsweise Ge- spräche mit souveränen Cloudan- bietern über Kooperationen geführt. Ein weit verbreitetes Missver- ständnis ist, dass mit dem Ende von LiMux auch Open Source in München beendet sei. Das Gegen- teil ist der Fall: In der Stadtverwal- tung sind heute über 100 Open- Source-Lösungen im Einsatz, von Infrastruktur über Anwendungen bis hin zu Eigenentwicklungen. Wo immer es möglich ist, arbeiten wir nach dem Prinzip „Public Money, Public Code“: Software, die mit öffentlichen Mitteln entwickelt wird, wird grundsätzlich als Open Source veröffentlicht. Proprietäre Lösungen werden dort genutzt, wo es keine vergleichbaren offenen Al- ternativen gibt – pragmatisch, aber immer mit einer klaren Priorität für offene Systeme. Open Source zahlt direkt auf digitale Souveränität ein. Offene Software macht den Quellcode überprüfbar, vermeidet Abhängig- keiten von einzelnen Herstellern und ermöglicht es, Lösungen ge- meinsam mit anderen Kommunen oder Partnern weiterzuentwickeln. Sie schafft Transparenz, stärkt die Sicherheit und fördert Innovation, weil Ideen geteilt, geprüft und ver- bessert werden können. So behält 14 Kommune21 · 11/2025 www.kommune21.de