Digitale Bildung nik bedienen und nutzen. So ist beispielsweise angedacht, allen Kindern ein Tablet zu geben, um darauf zu schrei ben und zu lesen, Textprogramme zu nutzen oder Präsentationen zu erstellen. All das ist naiv, weil die Bedienung der Technik immer einfacher wird. Wichtiger wäre es, die Menschen so zu stärken, dass sie die Tech- nik sinnvoll einsetzen lernen. Das Im Kern fehlt es an einem päda- gogischen Grundverständnis, wie digitale Medien bildungswirksam werden können. Allein der Einsatz der Technik schafft das nicht, weil dieser weder gut noch schlecht ist. Es kommt vor allem darauf an, die Menschen zu stärken. ChatGPT, um ein Beispiel zu geben, hat – trotz Fehler, Bias und Halluzinationen – ungeheure Möglichkeiten. Diese Verständnis über Möglichkeiten und Grenzen einer Digitalisierung ist. Der Mensch steht damit im Zentrum und die Frage, wie digitale Medien Bildungsprozesse wirksam unterstützen können. Insofern geht es immer auch darum, nicht zu früh und nicht zu spät, nicht zu viel und nicht zu wenig, nicht zu oft und nicht zu selten digitale Medien einzusetzen. Ein Beispiel „Wir sollten mehr über den pädagogischen Einsatz der Technik sprechen.“ bedeutet aber vor allem auch zu unterscheiden, wo digitale Medien sinnvoll sind und wo nicht, wann sie ein- und wann sie ausgeschaltet werden. Medienmündigkeit, die Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe ist und auch in der Ar- beitswelt gefordert wird, bedeutet vor allem, digitale Medien so ein- zusetzen, dass sie dem Menschen dienen. Insofern wird in Schulen mehr als bisher darauf zu achten sein, ein kritisches Bewusstsein im Umgang mit digitalen Medien herauszubilden: Wie und warum verändert sich mein Fühlen, Den- ken und Handeln, wenn ich ana- loge oder digitale Medien nutze? Warum ist es wichtig, den eigenen Medienkonsum zu steuern und zu regulieren? Diese und ähnliche Fra- gen sind angesichts der sich schon heute zeigenden Abhängigkeiten von digitalen Medien in Verbindung mit einer Reduzierung der kogniti- ven Fähigkeiten wichtiger denn je. Die technischen Voraussetzungen sind im Zuge des DigitalPakts vielerorts bereits geschaffen worden. Was müsste sich kurz- und mittelfristig ändern, da- mit digitale Medien im Schulunterricht sinnvoll eingesetzt werden? können aber erst genutzt werden, wenn verstanden wurde: Die KI darf dem Menschen das Denken nicht abnehmen, sondern muss so eingesetzt werden, dass sie den Menschen zum Nachdenken bringt. Wer also ChatGPT einsetzt, um die Hausaufgaben zu machen oder einen Aufsatz zu schreiben, der hat zwar am Ende alle Aufgaben erle- digt, aber selbst nichts verstanden. Ein bildungswirksamer Einsatz von digitalen Medien reflektiert also mithilfe empirischer Ergebnisse immer: Wann ist Technik sinnvoll und wann ist es besser, sie beiseite zu legen? Welche guten Ansätze sehen Sie päd- agogisch wie auch in der Gesamtsteue- rung des Themas Schuldigitalisierung? Wo gibt es positive Beispiele? Überall dort, wo reguliert wird, zeigen sich positive Effekte. Ob das beim Einsatz von Smartphones an der Schule ist, bei Tabletwägen statt Tablets für alle, beim Verbot von sozialen Medien wie in Australien oder beim Verwenden von digitalen Schulbüchern. Grund dafür ist, dass der Ausgangspunkt für diese Regu- lierungen immer ein pädagogisches hierzu: Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass Lesen eine der wich- tigsten Fähigkeiten für Bildungser- folg ist. Auch ist gesichert, dass der Kompetenzerwerb des Lesens mit analogen Medien besser funktio- niert als mit digitalen. Der Grund dafür ist einfach: Wer an digitalen Geräten liest, wischt die Texte schneller weg und kommt damit nicht in das vertiefte Lesen. Erst dann also, wenn die Lesekompetenz so gesichert ist, dass sie in der Lage ist, an verschiedenen Medien zum Einsatz zu kommen, sollten digitale Medien hinzugezogen werden. Wer also Tablets zu früh im Leseprozess einsetzt und vielleicht sogar als Leitmedium definiert, der schadet ohne jeden Zweifel den Bildungs- prozessen. Einstige Vorreiterländer bei der Digitalisierung der Schulen, wie beispielsweise Schweden, Dä- nemark und Norwegen, haben all das verstanden: Sie kehren wieder zurück zum Buch. Für Deutschland sollten diese Länder erneut zum Vorbild werden, weil sie nicht eine naive, sondern eine differenzierte und evidenzbasierte Digitalisierung der Schulen verfolgen. Interview: Sibylle Mühlke www.kommune21.de Kommune21 · 04/2025 41