Verwaltungsdigitalisierung steuerungsfähig waren, ein weiterer Akteur hinzugefügt. Einmal ge- schaffene Strukturen wurden zu In- stitutionen und blieben – während eine Gesamtsteuerung fehlte und das System immer komplizierter statt einfacher wurde. Bei Umsetzungsschwierigkeiten richtete sich der Blick typischerwei- se auf neue technische Entwicklun- gen. Das zog zwar Akteure an, führ- te aber aus Techniknaivität oft zu unrealistischen Erwartungen, die bei der Konfrontation mit der Re- alität in sich zusammenfielen. Seit 2023/2024 kündigt sich Künstliche Intelligenz (KI) als neue „Heils“- Welle an; frühere Themen wie das Onlinezugangsgesetz (OZG) treten in den Hintergrund, ebenso die Infrastrukturthemen, weil die Hoffnung besteht, KI als neue Tech- nologie löse endgültig die Probleme bei der Digitalisierung. Ein systemisches Problem aus historischer Struktur, Verant- wortungskultur und fehlenden Anreizen ist wiederum dieses: Die öffentliche Verwaltung lernt kaum. Verwunderlich ist jedoch die Beharrlichkeit, mit der sich dem Lernen systematisch verweigert wurde: Unabhängige Evaluierungen wurden konsequent vermieden, eine offene Fehlerreflexion kulturell und personalpolitisch verhindert, wichtige transformative Kompe- tenzen nicht aufgebaut. Besonders deutlich wurde dies daran, dass eine formale Evaluation der Nationalen E-Government-Strategie mit der Be- gründung abgelehnt wurde, es seien „keine wesentlichen neuen Er- kenntnisse zu erwarten“ – obwohl die Strategie selbst systematischen Transfer und regelmäßige Evaluati- on programmatisch einforderte. Die aktuellen Bestrebungen sollten die Erfahrungen der Ver- gangenheit aufgreifen – nicht als Rückspiegelrhetorik, sondern als Konsequenz aus dem, was in der Umsetzung wiederholt nicht funktioniert hat. Digitalisierung scheitert nicht an Technik, Kon- zepten oder Geld, sondern an der Unfähigkeit der Verwaltungen, verbindlich zu kooperieren und Umsetzung zu organisieren. Wer diese Lektionen ernst nimmt, kann die Verwaltungsmodernisierung wirkungsvoll gestalten. Die kürz- lich veröffentlichte Föderale Mo- dernisierungsagenda zeigt erneut: Digitalisierung ist kein isoliertes IT-Thema, sondern Teil umfas- sender Transformationsprozesse, bedingt also eine Veränderung staatlicher Strukturen, damit IT wirken kann. Genau deshalb rei- chen reine Maßnahmenpläne nicht aus – sie reproduzieren ansonsten nur die Muster der vergangenen 25 Jahre: viel Programm, wenig Durch- und Umsetzung, wenig Ler- nen. Ob Modernisierung gelingt, entscheidet sich dort, wo Verwal- tung tatsächlich wirkt: im Vollzug, insbesondere auf der kommunalen Ebene. Gerade hier zeigt sich, ob Strategien anschlussfähig sind und Ressourcen so ankommen, dass Umsetzung möglich wird. Notwendig sind dafür eine lang- fristig verwaltungspolitisch trag- fähige Vision für die Verwaltung von morgen sowie eine kohärente Strategie für eine digital integrierte Verwaltung, die nicht nur „Online“ verspricht, sondern Prozess- und Registerlogik mitdenkt. Darüber hinaus braucht es modernisierte Verwaltungsstrukturen mit flexi- bleren Entscheidungswegen und einer Verbesserung der Koope- rationsfähigkeit für verbindliche und durchsetzungsfähige Ver- antwortung – einschließlich dem Mut zur Entscheidung auch auf der Managementebene, klarer Zu- ständigkeiten, einer langfristigen Finanzierung sowie ausreichender Kompetenzen und Umsetzungs- kapazitäten. Evaluierung und Erfahrungs- transfer müssen zudem als feste Bestandteile jedes größeren Vorha- bens etabliert werden, damit aus Fehlern und Erfolgen tatsächlich gelernt wird. Aber: Ohne eine Re- form der Strukturen bleibt Digita- lisierung wirkungslos. Aufgaben, Zuständigkeiten und Verfahren müssen vereinfacht werden, damit digitale Lösungen greifen kön- nen. Heute, in Zeiten wachsender Aufgaben und zunehmender Di- gitalisierung, brauchen Staat und Verwaltung dringend ein Leitbild und Wertkonstrukt. Denn Digita- lisierung ersetzt keine politische Idee von Staatlichkeit. Ein „digitaler Staat“ kann genauso ineffizient oder wirkungslos sein. Ohne Leitbild ist Verwaltungsmodernisierung wie ein Schiff ohne Kompass und bleiben die genannten Hebel tech- nokratische Versatzstücke, die sich zwar auflisten lassen, aber nicht dauerhaft tragen. Ein Leitbild ist damit kein Zusatz, sondern der Bezugsrahmen, der klärt, welche Wirkung der Staat erreichen will und wie er dafür konkret agieren soll. Genau diese Richtung fehlt derzeit in den vorgestellten Moder- nisierungsaktivitäten. Dr. Tino Schuppan ist Wissenschaft- licher Direktor des Stein-Hardenberg Instituts und Professor für Public Management an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA). www.kommune21.de Kommune21 · 03/2026 21